Über die Band Latimer House stolperte ich im Rahmen einer meiner Compilations, zu der ich den tollen Song „This Is Pop“ hinzufügte. Das bekam die Band mit, und so entstand ein E-Mail-Kontakt mit Frontmann Joe. Ein paar E-Mails flogen hin und her, und schlussendlich kam es zu diesem Interview.

Hallo. Danke, dass du dir die Zeit nimmst, mir ein paar Fragen zu beantworten. Kannst du dich bitte kurz vorstellen?

Hi, mein Name ist Joe, ich komme ursprünglich aus London und lebe jetzt in Prag. Ich spiele Gitarre, schreibe die Songs bei Latimer House und singe.

Ihr habt Latimer House im Jahr 2010 gegründet. Die Band ist ja ein länderübergreifendes Projekt: du kommst aus London, deine Kollegen aus Baku, Toronto und Virginia. Erzähl mir doch bitte, wie ihr überhaupt zusammengekommen seid.

Das Projekt Latimer House hat sich so ziemlich von selbst entwickelt. Und als es erst einmal gestartet war, trieb ich es voran, denn ich merkte recht schnell, das hier etwas besonders entstand und die Songs passten. Es fing damit an, das George, welcher in Toronto aufgewachsen ist, und ich uns einen Proberaum mieteten und ein paar meiner alten Songideen ausformulierten. Er spielte Drums und ich meine 12seitige Akustikgitarre. Eines Tages hörten wir während einer Pause aus dem benachbarten Proberaum jemanden großartig Keyboard spielen, und so gingen wir kurzerhand rüber und stellten uns Anar vor, der aus Baku kommt. Jetzt fehlte nur noch ein Bassist, und so kam Mike ins Spiel. Er kommt aus Virginia in den Staaten. George, Mike und ich waren schon seit Jahren in Prag, und Anar war auch schon eine Weile hier. So kamen wir zusammen, und so war es nur eine Frage der Zeit, bis wir die Songs soweit formten, das wir sie aufnehmen konnten.

Euer Album „All The Rage“ erschien zusammen mit der Single „This Is Pop“ vor ein paar Wochen. Wie sind die Reaktionen bisher?

Das Album wurde sehr gut aufgenommen, mit einigen positiven Reviews und Kommentaren in der Blogosphäre auf beiden Seiten des Atlantiks. Das gleiche gilt für unsere Single „This Is Pop“, welche in den USA und in Großbritannien im Radio gespielt wurde . Wir haben gerade ein Video für den Song fertig gestellt. Alles in allem wurde unsere Musik sehr positiv aufgenommen, was wirklich sehr ermutigend ist. Was mich wirklich überrascht hat, sind die vielen unterschiedlichen Referenzen, welche die Blogger aus unserer Musik heraushören.

Ja, das glaube ich. Ich fühle mich hier und da an Lou Reed oder die Beatles erinnert. Was sind denn deiner Meinung nach eure Einflüsse? Wie würdest du deine Musik jemanden beschreiben, der sie noch nie gehört hat?

Lou Reed und die Beatles? Ernsthaft? Das ist sehr schmeichelhaft. Lou Reed ist ein großartiger Künstler, und Velvet Underground sind essentiell. Ich mag die Melodieführung und den Gitarrensound der Beatles und die vielen Einfälle in ihrer späten Phase. Ich denke, Tomorrow Never Knows ist fantastisch, war seiner Zeit weit voraus und klingt auch heute immer noch zeitgemäß.

Unsere Einflüsse…, nun, im Grunde höre ich jegliche Art von Gitarrenmusik, solange es sich nicht um Metal, Grunge oder Stadion-Rock handelt. Im Prinzip alles von den Byrds und Robert Fripps (mit David Bowie) bis hin zu punkigem und avantgardistischen New Wave Pop wie XTC, Jazzateers oder Wire und Gang Of Four; außerdem aktuelles Zeug wie Alex Bleeker & The Freaks, Tame Impala, The MGMT, Temples, Wilco, The National und so weiter. Es gibt momentan so viel tolle Musik da draußen, dass ich denke, wir sind in einer tollen Ära für Musik.

Ich beschreibe unsere Musik immer als „guitar-driven pop“. Sie ist sehr englisch, was aufgrund meiner Herkunft und meiner Plattensammlung nicht weiter verwunderlich ist. Englisch klingender Gitarren-Pop – könnte das funktionieren?

Ihr habt im Laufe der Zeit in unterschiedlichen Bands gespielt. Wie sah euer musikalischer Pfad aus, der euch zu Latimer House führte?

Ich habe als Bassist in einem Trio namens The Playground angefangen, welches sich dann zu einer fünfköpfigen Band entwickelte. Ich stieg dann aus und fing an, Gitarre zu spielen, meine eigenen Songs zu schreiben, Dope zu rauchen und ein wenig zu produzieren. Dann fand ich mich auf einmal als Gitarrist in einer siebenköpfigen Gruppe namens Leslie & The Pop Group wieder, die mit Cello, Banjo und Mandoline so eine Art Folk Pop spielte.

Jim Thompson, der bei Leslie & The Pop Group Mandoline und Cello spielte, kam später nach Prag und spielte bei einigen Songs von Latimer House Mandoline. Nach Leslie & The Pop Group driftete ich ein wenig von der Musik weg und beschäftigte mich mehr mit Journalismus und dem Schreiben. Aber dann traf ich George, Anar und Mike und voilá: Latimer House!

Von den anderen kann ich dir nicht allzu viel erzählen, aber in Kürze: Anar hatte eine Band namens Orient Xpress, absolvierte eine Menge Auftritte bei Veranstaltungen und Hochzeiten rund um Prag und schrieb Musik für Computer-Spiele. Er ist ein sehr talentierter Keyboarder und einer der wenigen Leute die ich kenne, die von ihrer Musik leben können. George spielt jede Woche Schlagzeug mit einem Jazz Pianisten, und er hat in der Vergangenheit in einigen Bands gespielt. Mike hat damals in den Staaten an einer Platte der Sisters of Morrissey mitgewirkt.

War es schwer für euch, einen eigenen Band-Sound zu definieren, oder entstand dieser einfach ganz natürlich beim Jammen?

Wir haben einfach gejammt, und die Songstrukturen sind eher simpel, und so haben wir unseren Sound gefunden. Wir hatten zwar klare Vorstellungen von Keyboard- und Gitarrensound, aber im Prinzip war nichts definiert. Wir haben uns nicht einmal Gedanken über Effekte oder Modulationen gemacht, aber unser Toningenieur Derek hat einen großartigen Job gemacht.

Damals waren es fotokopierte Fanzines und selbstgepresste 7“ Singles, heute sind es Blogs und MP3s.

Denkst du, es könnte eure Bekanntheit steigern, wenn ihr eure Songs kostenlos anbietet?

Das ist eine gute Frage, und die Streaming-Debatte verfolge ich mit großem Interesse. Ich denke, dass sich Bands heutzutage in einer Art Catch 22-Situation befinden: es ist offensichtlich nicht sinnvoll, seine Musik für immer zu verschenken, auf der anderen Seite sorgt das Streaming durch Soundcloud dafür, das man gehört wird. Ich persönlich mag Platten, und mit Abstrichen auch CDs, und ich liebe die Kultur der unabhängigen Platenläden, dort wo die richtigen Fans abhängen.

Aber das ist Internet ist so befreiend, wie die DIY-Kultur der Punks eine Generation zuvor. Damals waren es fotokopierte Fanzines und selbstgepresste 7“ Singles, heute sind es Blogs und MP3s. Die komplette Szene entwickelt sich ständig weiter, und wir befinden uns gerade in einer bedeutenden Umbruchphase: der Zugang zur Musik, wie und wo sie gehört und gekauft wird, wie die Industrie und die Technik eingreifen. Aber richtige Musik entsteht nicht aus kommerzieller Berechnung, sondern sie hat Seele, ist ehrlich, folgt dem eigenen Weg.

Was sind eure Ziele in der näheren Zukunft eure Musik betreffend?

Unser Songwriting zu verfeinern, meine Fähigkeiten an der Gitarre zu verbessern, mich mit dem Aufnahmeprozess im Studio zu beschäftigen, interessante Musik zu machen und hoffentlich eine Menge Auftritte zu absolvieren.

Wenn du bis an dein Lebensende nur eine einzige Platte hören könntest, welche wäre das?

Nichts mit Text. Und etwas, was sich nicht mit einer bestimmten Ära oder Technologie in Verbindung bringen lässt. Ich denke, es wäre ein Album mit dem klassischen Material des Penguin Café Orchestra, wirklich brillante, seltene und wundervolle Musik.

Zu guter Letzt: erzähl uns etwas über Latimer House, das bisher Niemand weiß.

Ok, wir würden gerne von einem unserer Songs einen Club Dance Mix und einen Trippy-Dub-Psychedelic Mix fü eine 12“ später im Jahr machen.

Vielen Dank für dieses Interview.

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