Matthias Schrei ist die Blockflöte des Todes. Laut eigenener Aussage ist seine Musik „so unglaublich albern und auf pures Entertainment zugeschnitten, weil mir die Welt und die Politik größtenteils zu komplex geworden sind und ich das alles nicht mehr ernst nehmen kann“.

Am Montag wurden die Teilnehmer des diesjährigen Bundesvision Song Contest bekannt gegeben, und siehe da: Matthias vertritt das Land Sachsen. Grund genug, um einmal nachzufragen, wie er die aktuelle Lage der Musikindustrie einschätzt. Viel Spaß bei diesem sehr interessanten Einblick!

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Matthias (Blockflöte des Todes):

copy and paste kills music

Jaja, da sitzen sie und jammern nun schon seit einigen Jahren, dass die 80er vorbei sind, dass das Internet nicht nur für legale Machenschaften genutzt wird und dass sowieso alles bergab geht und keine Lösung in Sicht ist. Und ich mach da jetzt einfach mal mit und jammere hier vor mich hin… nur wahrscheinlich aus anderen Gründen.

Ich habe nämlich meine gute alte Liebe zum Plattenläden durchstöbern verloren, schnief! Zum einen liegt das daran, dass mein Plattenspieler kaputt gegangen ist, zum anderen fehlen mir gewisse Anreize. Die Vinyl-Sammlung ließ sich ja Gott-Sei-Dank schnell aus’m Netz ziehen (und da habe ich nichtmal ein schlechtes Gewissen); prinzipiell bin ich der Meinung, dass man für komprimierte Musikformate kein Geld bezahlen sollte. Ich will damit nicht das illegale Downloaden unterstützen: Lasst die Finger vom Downloaden! Kauft euch CDs, MCs und Schallplatten!

Aber selbst das erscheint mir heute nicht mehr so spaßig zu sein, wie vor zehn Jahren. Denn der viel schlimmere Wandel hat nichts mit den Formaten zu tun, sondern viel mehr mit dem Inhalt. (Gute) Musik ist einst noch aus dem Volk entstanden; als Subkultur, Kultur, Ausdruck von Revolution, Ausdruck von allgemeiner Zufriedenheit, als Teil einer Kunstbewegung. Aufgrund der vorhandenen sozialen Strukturen gab es auf Konsumentenseite gar das Bedürfnis nach bestimmter neuer Musik. Und auf einmal waren da beispielsweise The Clash. Aufgabe der Plattenfirmen war es nur noch, solche Entwicklungen zu erkennen und deren musikalische Vertreter einzusammeln. Hat prima funktioniert; die Nachfrage bestimmte das Angebot.

Und dann kam Michael Jackson, hat ein paar tolle PopPlatten gemacht aber leider auch den choreografierten Tanz in die Musik gebrachtUnd dann kam Michael Jackson, hat ein paar tolle PopPlatten gemacht aber leider auch den choreografierten Tanz in die Musik gebracht. Sein unglaublicher Erfolg führte zu neuen Überlegungen und Entwicklungen auf Seiten der Musikindustrie und als Ergebnis haben wir nun tanzende Casting-Sternchen und Teenie-Idole, deren Nachhaltigkeit oftmals nicht die Haltbarkeit einer Banane überschreitet. Ein paar große Labels und Produzenten scheinen sich die Nachfrage auf ihr Angebot zu züchten, was aber nur die Zielgruppe 12- bis 16-jähriger Mädchen einschließt. Meine abschließende These dazu: der Musikindustrie geht es so „schlecht“, weil die Geburtenraten seit Jahren zu niedrig sind.

Das letzte große neue Ding war wohl der HipHop, der nun auch seine 20 Jahre auf’m Buckel hat. Seitdem ist nichts aufregendes passiert. Musik verliert mehr und mehr an Authentizität und Originalität, ist zu einer Copy-and-Paste-Geschichte verkommen.

So, genug schwarz gemalt – es geht ja auch anders! Der so genannte Indie-Bereich funktioniert nämlich seit jeher nach dem gleichen Prinzip: was gut ist (bzw. was viele Menschen aus eigenen Stücken gut finden) setzt sich durch, spricht sich rum und funktioniert. Diese Musiker leben schon immer von ihren Konzerten und den Tonträgern und Shirts, die sie dort dem begeisterten Zuhörer auf Anfrage verkaufen. Das ist oft ein langer und harter Weg, aber es ist ehrlich und kein Fan kommt auf die Idee, sich die Neuerscheinung illegal zu ziehen. All diejenigen, die sich aus Döseligkeit oder ähnlichen Gründen die Musik mal runterladen, entdecken beim Hören eventuell die Genialität der/des Musiker/s und gehen zum nächsten Konzert und kaufen unter Umständen zumindest ein Shirt.

Auf meinen ersten beiden im Selbstvertrieb erschienenen Alben bat ich aus diesem Grund mit einem Hinweis um die nichtkommerzielle Verbreitung im Internet. Ist doch prima Werbung!
Bleibt nun noch die Frage, warum ich das nicht mehr so mache und warum ich tu, was ich tu. Nun, meine Musik ist so unglaublich albern und auf pures Entertainment zugeschnitten, weil mir die Welt und die Politik größtenteils zu komplex geworden sind und ich das alles nicht mehr ernst nehmen kann. Selbst hier habe ich nur wüste Thesen aufgeschrieben, die mir gerade logisch erschienen, aber garantiert nichtmal in der Nähe vom Kern des Pudels sind – und das ist mir wunderbar egal, denn es sind ja meine Ansichten und die darf ich haben. Vielleicht mach ich ja sogar ein Lied drüber und alle die meiner Meinung sind und das Lied toll finden, die kaufen sich dann die CD und alle anderen lassen’s – und die, die sich das illegal ziehen, die sind dann ja automatisch nicht meiner Meinung und somit auch gar nicht meine Zielgruppe.

Oh, und bei einem Label bin ich übrigens, weil jemand zu mir sagte: „Hey, ich mag was du da machst und meine Kollegen finden das auch prima. Lass doch mal eine CD machen, die genauso dreckig und ehrlich klingt, wie das, was du bisher gemacht hast und wir stecken da mal ein bißchen Geld rein und werfen’s auf’n Markt. Nur so zum Spaß! Biste dabei?“ – da konnte ich einfach nicht „nein“ sagen.

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Infos zu Blockflöte des Todes:

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Was soll das hier? Wir sitzen auf der einen Seite. Wir hören Musik umsonst, bei Streaming-Anbietern wie last.fm, Spotify, roccatune. Wir kaufen die ein oder andere Platte oder bezahlen für einen Download. Wir gehen auf Konzerte, kaufen Merchandise-Artikel und bezeichnen uns als Fans. Wir lesen Blogs, wir kennen die Hype Maschine und diverse Onlinemagazine. Und, wenn wir ehrlich sind, dann laden wir auch das eine oder ander Musikstück illegal herunter. Das ist unsere Seite.

Und auf der anderen Seite sitzen die Musiker. Denn die Musikindustrie ist genau genommen nur der Vermittler. Sicherlich ein wichtiger Vermittler, der eine Menge falscher Entscheidungen getroffen hat und trifft, und den man mitunter auch verachten kann. Aber auf der anderen Seite sitzt meines Erachtens der Künstler. Und dessen Meinung zur aktuellen Lage der Industrie geht in meinen Augen sehr oft einfach unter. Dabei wäre es doch gerade interessant zu erfahren, wie Musiker heutzutage leben, womit sie ihr Geld verdienen, wieviel Herzblut mit jedem nicht verkauften Album verloren geht, wie anstrengend das dauernde Touren ist, woher das Durchhaltevermögen kommt, warum man sich das überhaupt antut.

Und aus diesem Grund möchte ich die Musiker fragen. Ich bitte ausgesuchte Künstler, auf meinem Blog ihre Meinung kundzutun. Ihre Meinung zu Fans, zu illegalen Downloads, zu ihrem Arbeitsumfeld, ihrer Lebenssituation, der Musikindustrie, dem Musikerdasein. Dabei sind sie in Form und Inhalt völlig frei. Ob das nun ein kurzes Statement ist oder ein Kurzroman, ich mache keine Vorgaben.

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