Hinter dem etwas befremdlichen Pseudonym Alien Hand Syndrome (benannt nach einer neurologischen Störung) verbirgt sich der in Wien lebende oberösterreichische Multinstrumentalist Clemens Engert, der im Herbst letzten Jahres mit „Slumber“ sein zweites Album vorlegte. Die Musik Engerts erinnert mich von der Herangehensweise ein wenig an Konstantin Groppers Get Well Soon und gefällt mir richtig gut. Ich fasste mir ein Herz und fragte ihn, ob er Interesse an einem Seitenwechsel hat.

Clemens Engert: Ich mache mir vielleicht nicht viele Freunde mit meiner Meinung, aber mir geht das Gejammere mancher (besonders gut etablierter) Bands und Künstler wirklich äußerst auf die Nerven. Wenn z.B. ein bekannter deutscher Sänger, der – im Gegensatz zu den meisten Künstlern – wahrscheinlich ohnehin von seinen Buchverkäufen ganz gut leben kann, im schärfsten Tonfall gegen die bösen Download-Piraten wettert und einfordert, dass man ihn gefälligst für seine musikalischen Ergüsse ordnungsgemäß zu bezahlen habe, ist das einfach nur scheinheilig und dumm. Genau die gleichen Leute sind es, die dann einen Absatz später über die gierige Finanzwirtschaft schimpfen und darüber, wie uns der Kapitalismus zu Grunde richtet und so weiter.

Vor 20 Jahren wäre es zudem für eine heimische Band noch undenkbar gewesen, Zuhörer auf den Philippinen oder in Chile oder irgendwo anders auf der Welt direkt zu erreichen.

Meiner Meinung nach leben wir momentan in einer Zeit, wo etwas möglich ist, was es zuvor in der Musikgeschichte auf diese Art noch nie gegeben hat: 50 Jahre lang hat die sogenannte Avantgarde nichts anderes getan, als sich über die Gier der bösen Major-Labels zu beschweren und darüber zu lamentieren, dass diese die wahre Kunst zerstören und nur Kommerz fördern. Nun hat man als Künstler heutzutage endlich die Möglichkeit, weltweit direkt Fans mit seiner Musik zu erreichen und mit ihnen zu interagieren – alle unsere Punkrock-Träume sind quasi wahr geworden – und jetzt beschweren sich erst recht wieder alle. Vor 20 Jahren wäre es zudem für eine heimische Band noch undenkbar gewesen, Zuhörer auf den Philippinen oder in Chile oder irgendwo anders auf der Welt direkt zu erreichen. Das geht heutzutage.

Man kann sich – wenn man es geschickt anstellt – eine weltweite Fanbase aufbauen, die Musik teilweise gratis zur Verfügung stellen und neue Einnahmequellen (Special Fan-Packages, Pay-As-You-Wish-Konzepte, Crowdfunding etc.) erschließen – ganz abgesehen davon, dass man im Alternative-Bereich mittlerweile sowieso nur mehr mit Live-Gagen richtig verdienen kann. Wem diese Möglichkeiten egal sind und stattdessen gegen jeden Einzelnen wettern möchte, der die Musik lieber erstmal hören und nicht gleich kaufen will, soll das ruhig weiter tun. Meine Sympathien hat er nicht.

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Warum ein Seitenwechsel?

Wir sitzen auf der einen Seite. Wir hören Musik umsonst, bei Streaming-Anbietern wie Spotify, Deezer, rdio, Simfy. Wir kaufen die ein oder andere Platte oder bezahlen für einen Download. Wir gehen auf Konzerte, kaufen Merch-Artikel und bezeichnen uns als Fans. Wir lesen Blogs und diverse Onlinemagazine. Und, wenn wir ehrlich sind, dann haben wir in der Vergangenheit auch schon einmal eine CD gebrannt und uns das eine oder andere Musikstück illegal heruntergeladen. Das ist unsere Seite. Und auf der anderen Seite sitzen die Musiker. Denn die Musikindustrie ist genau genommen nur der Vermittler. Sicherlich ein wichtiger Vermittler, der eine Menge falscher Entscheidungen getroffen hat und trifft, und den man mitunter auch verachten kann. Aber auf der anderen Seite sitzt meines Erachtens der Künstler.

Und dessen Meinung zur aktuellen Lage der Industrie geht in meinen Augen sehr oft einfach unter. Dabei ist es doch gerade interessant zu erfahren, wie Musiker heutzutage leben, womit sie ihr Geld verdienen, wie viel Herzblut mit jedem nicht verkauften Album verloren geht, wie anstrengend das dauernde Touren ist, woher das Durchhaltevermögen kommt, warum man sich das überhaupt antut. Und aus diesem Grund möchte ich die Musiker fragen. Ich bitte ausgesuchte Künstler, auf meinem Blog ihre Meinung kundzutun. Ihre Meinung zu Fans, zu illegalen Downloads, zu ihrem Arbeitsumfeld, ihrer Lebenssituation, der Musikindustrie, dem Musikerdasein. Dabei sind sie in Form und Inhalt völlig frei. Ob das nun ein kurzes Statement ist oder ein Kurzroman, ich mache keine Vorgaben.

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