Hinter Binoculers steckt die Hamburgerin Nadja Rüdebusch, die ihre Musik schlicht als zeitlosen aber modernen Folk bezeichnet. Am 2. November erscheint ihr neues Album „There Is Not Enough Space In The Dark“ auf dem neugegründeten Hamburger Label Insular. Ich durfte es mir schon anhören und kann nur sagen: ihr solltet euch unbedingt die Zeit nehmen, diese kleine Album-Perle für euch zu entdecken.

Dermaßen angefixt nahm ich Kontakt mit Nadja auf, um sie zu fragen, ob sie eventuell Zeit und Lust hätte, für mich ein paar Zeilen zu schreiben. Hatte sie. Vielen Dank dafür, Nadja! Aber jetzt lasse ich sie selber zu Wort kommen.

Nadja Rüdebusch (Binoculers)
Mein Geld mit „Musik“ verdient hatte ich schon einige Jahre lang. In einer Musikschule zeigte ich kleinen und großen Menschen ein bisschen was vom Gitarrenzupfen und Singen und fand mich unzählige Stunden in einer Gruppe von kleinen Zwergen wieder, die es liebten an Rasseln und SM58 Mikrofonen zu lutschen. Es war ein sicherer und angenehmer Job aber dennoch zog es mich hin zu dem, was ich sowieso die restliche Zeit meines Lebens tat.

Ich wollte mich voll und ganz dem Konzerte spielen widmen, durch die Lande ziehen mit den Platten, die ich aufgenommen hatte, darin völlig flexibel sein und frei, niemals an einen festen Termin gebunden.

So ganz verstanden habe ich das nicht.

Ich beobachtete mein Netzwerk und mich selbst darin einige Jahre lang. Es schien sehr effektiv zu sein, sich die Nächte an bestimmten Orten zwischen bestimmten Leuten um die Ohren zu schlagen, oder vom Sandkistenzeitalter an mit genau diesen Leuten bestens befreundet zu sein. So ganz verstanden habe ich das nicht.

Es ist anscheinend auch sehr hilfreich, es irgendwie zu schaffen, den Telefonhörer in die Hand zu nehmen, anstatt sich auschließlich der Tastatur zu widmen, wenn es darum geht, Konzerte zu buchen. Oder wie wäre es damit, sich musikalisch dem Tanzdrang des Publikums ein bisschen mehr anzupassen, up-Tempo Songs schreiben, mit flotten Beats unterlegt, und in der Muttersprache bitte. Bereits bevor ich alle sicheren Zelte abbrach, war mir schon bewusst, dass ich mit all dem nichts zu tun haben wollte oder nicht konnte.

Nachdem ich meinen Musikschuljob gekündigt hatte, tourte ich ein Jahr lang so intensiv und uneffektiv wie nie zuvor. Ich lernte ein paar europäische Länder besser kennen, als ich sie als Tourist je hätte erleben können und das war immerhin sehr inspirierend.

Manchmal gab es sogar einen Pool oder einen Golfplatz in einem 5* Hotel. Andererseits Kälte und düstere Orte, wenig Schlaf und zu viel Wodka, Einsamkeit und einen fertig gestrickten Schal. Danach wusste ich nicht mehr, ob ich überhaupt noch Musik machen wollte.

Ich verbrachte in einem Loch sitzend meinen Sommer in Hamburg in meiner Wohnung. Der Sommer war verregnet und kalt, ich schrieb viele Songs, die irgendwie alle raus wollten. Das war auch eine sehr schöne Zeit, die ich mir nahm, und mein Bedürfnis, konstant auf Tour sein zu wollen, um meine Präsenz als Musikerin zu halten, war sehr klein geworden. Und das war gut. Ich fasste wieder neue Kraft für neue Konzerte.

Diesmal überlegte ich zweimal, bevor ich eines zusagte, schaute lieber noch einmal bei Google Maps nach und fand einige Distanzen tatsächlich zu groß und einige Bedingungen zu schlecht. So lässt es sich mittlerweile sehr viel angenehmer touren und ich habe gemerkt, dass weniger mehr sein kann.

Die Definition davon, von meiner eigenen Musik zu leben ist seither ein bisschen anders. Anfangs ging es sehr viel darum, mir selbst etwas beweisen zu wollen. Alles kam anders und immer viel weniger glamorös als erträumt. Trotzdem gibt und gab es neben den Enttäuschungen viele großartige Konzerte, Momente, Begegnungen und Orte.

So ist nun gerade eine Phase in meinem Leben angebrochen, in der ich voller Hoffnung einem wieder gesund gewordenen DIY Gefühl entgegenblicke.

Das kleine Musikuniversum, in dem ich lebe, hat im Laufe der letzten Jahre sehr viel dazu gewonnen. Manchmal erscheint es mir wie ein unendlich großer Raum mit unbegrenzten Möglichkeiten, in dem ich mich fortbewege. Ich treffe andere Musiker und merke, dass auch sie sich ein kleines Universum geschaffen haben.

Man tauscht sich ein bisschen aus und kann für eine Weile voneinander lernen. Dann schlüpft man wieder in sein eigenes Universum hinein und geht weiter seinen Weg.

Irgendwie geht es immer weiter und vielleicht auch immer ein bisschen leichter. Und trotz dem sich oft einschleichenden Gefühl der Belanglosigkeit der eigenen Musikerexistenz im Überangebot der virtuellen Welt des World Wide Web werden ja doch immer wieder neue Songs geschrieben, die irgendwie anders sind, als alle, die es schon vorher gab.

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Was soll das hier? Wir sitzen auf der einen Seite. Wir haben Zugriiff auf Millionen von Songs bei Streaming-Anbietern wie Spotify, Simfy, Deezer, Rdio. Wir kaufen die ein oder andere Platte oder bezahlen für einen Download. Wir gehen auf Konzerte, kaufen Merchandise-Artikel und bezeichnen uns als Fans. Wir lesen Blogs, wir kennen die Hype Maschine und diverse Onlinemagazine. Und, wenn wir ehrlich sind, dann laden wir auch das eine oder ander Musikstück illegal herunter. Das ist unsere Seite. Und auf der anderen Seite sitzen die Musiker. Denn die Musikindustrie ist genau genommen nur der Vermittler. Sicherlich ein wichtiger Vermittler, der eine Menge falscher Entscheidungen getroffen hat und trifft, und den man mitunter auch verachten kann. Aber auf der anderen Seite sitzt meines Erachtens der Künstler. Und dessen Meinung zur aktuellen Lage der Industrie geht in meinen Augen sehr oft einfach unter. Dabei wäre es doch gerade interessant zu erfahren, wie Musiker heutzutage leben, womit sie ihr Geld verdienen, wieviel Herzblut mit jedem nicht verkauften Album verloren geht, wie anstrengend das dauernde Touren ist, woher das Durchhaltevermögen kommt, warum man sich das überhaupt antut.

Und aus diesem Grund möchte ich die Musiker fragen. Ich bitte ausgesuchte Künstler, auf meinem Blog ihre Meinung kundzutun. Ihre Meinung zu Fans, zu illegalen Downloads, zu ihrem Arbeitsumfeld, ihrer Lebenssituation, der Musikindustrie, dem Musikerdasein. Dabei sind sie in Form und Inhalt völlig frei. Ob das nun ein kurzes Statement ist oder ein Kurzroman, ich mache keine Vorgaben.

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