The Haunted Youth kommen aus Belgien und starteten ursprünglich als Soloprojekt von Joachim Liebens. Das Debüt klang noch wie Musik, die nachts allein im Schlafzimmer entstanden ist: verträumter Dreampop mit viel Hall und Achtziger-Schlagseite.
Mit „Boys Cry Too“ verschiebt sich dieser Ansatz nun deutlich. Liebens und seine mittlerweile zur festen Band gewachsene Formation drehen die Verstärker auf und suchen bewusst die Reibung.
Schon der Opener „In My Head“ macht klar, dass hier etwas anderes passiert als noch auf „Dawn Of The Freak“. Der Song beginnt vorsichtig, fast tastend, mit elektronischen Spuren und einer bedrückenden Netflix-Serien-Atmosphäre, bevor sich alles langsam auftürmt. Gitarren schieben sich nach vorne, das Schlagzeug drängt, Liebens steigert seine Stimme immer weiter, bis der Song am Ende beinahe auseinanderfällt. Acht Minuten, die eher wie ein Kontrollverlust wirken als wie ein klassischer Albumauftakt.
Überhaupt arbeitet „Boys Cry Too“ stark mit Gegensätzen. Verträumte Synthflächen treffen auf massive Gitarrenwände, ruhige Momente kippen plötzlich in Lärm. Immer wieder tauchen Shoegaze Elemente auf, daneben Emo, Indie Rock und stellenweise sogar Grunge. Besonders „Castlevania“ bringt diese Mischung gut auf den Punkt. Der Song verbindet flirrende Gitarren mit einer düsteren Schwere und erinnert phasenweise an My Bloody Valentine, ohne dabei bloße Kopie zu sein.
Trotz aller Wucht tauchen immer wieder erstaunlich eingängige Melodien auf. Viele Songs wirken zunächst überwältigend, öffnen dann aber kleine Momente von Klarheit, die sich sofort festsetzen. Gerade diese Verbindung aus Lärm und Melodie hält das Album zusammen.
Auch die Songtitel zeigen bereits, wohin die Platte emotional will: „Death Wish“, „Falling To Pieces“, „Murder Me“. Das wirkt plakativ, passt aber erstaunlich gut zur Direktheit der Musik. Liebens schreibt keine komplizierten Texte. Viele Zeilen bleiben schlicht und unmittelbar. Gerade dadurch funktionieren sie.
Musikalisch bleibt das Album dabei erstaunlich abwechslungsreich. „Hurt“ öffnet kurz den Raum und arbeitet stärker mit Atmosphäre und Melodie, bevor „Murder Me“ wieder deutlich härter wird.
„I Hear Voices“ bringt kalte Synths und New-Order-artige Rhythmen ins Spiel, während „Falling To Pieces“ ein klassisches, aber dennoch mitreißendes Post Rock Stück darstellt. Zwischen den Gitarrenwänden taucht plötzlich ein Klavier auf, alles verlangsamt sich kurz, bevor der Song erneut anzieht.
Was „Boys Cry Too“ zusammenhält, ist weniger Perfektion als Konsequenz. Die Platte wirft viele Einflüsse zusammen, wirkt dabei aber nie beliebig. Stattdessen entsteht der Eindruck einer Band, die genau verstanden hat, wie sich Überforderung, Wut und Verletzlichkeit gleichzeitig anhören können.
Nicht jeder Moment sitzt gleich stark. Manche Songs verlieren sich etwas in ihrer eigenen Intensität. Trotzdem entwickelt das Album eine bemerkenswerte Sogwirkung. The Haunted Youth gelingt hier der Schritt vom Schlafzimmerprojekt zu einer Band, die größer, direkter und deutlich mutiger klingt.










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