Jetzt, wo mein Umzug nach Österreich nicht einmal mehr drei Wochen entfernt ist, kommen die Erinnerungen hoch. An die Stadt Berlin, die tollen Zeiten, die unvergesslichen Erlebnisse. Und da es hier auf nicorola.de nicht nur um Musik, sondern auch um mich geht, dachte ich mir, ich lasse euch ein wenig an meinem Rückblick teilhaben.

Angekommen: Ich in der Metropole.

Natürlich war ich unerfahren bei der Wohnungssuche. Das hielt mich jedoch nicht davon ab, mit vollem Eifer den Wohnungsmarkt der Hauptstadt abzugrasen. Ich landete schließlich in der Herrfurthstraße in Neukölln, im letzten Haus vor dem Flughafen Tempelhof. Dieser wurde damals noch genutzt, und in Sichtweite befand sich die Wendeschleife, wo die Piloten die Motoren hochdrehten, bevor es zum Start ging. Aber wir hatten Schallschutzfenster und waren eher nachtaktiv. Wir? Ja, denn ich hatte einen Mitbewohner. Der Bruder einer sehr guten Freundin zog nach Berlin, und ich fragte ihn eines Tages: “Willst du bei mir wohnen? Ich habe noch ein Zimmer frei.” Er sagte ja, und ich warf ihm den Schlüssel zu.

Die Wohnung hatte zwei Kohleöfen, aber das war ich aus Potsdam gewohnt. Allerdings war das bei schlechtem Wetter trotzdem abenteuerlich. Wir wurden auf jeden Fall als die zwei Typen bekannt, die auch im Winter in fremden Wohnungen in T-Shirts statt Wollpullover rumliefen, da wir einfach eine andere Grundtemperatur gewohnt waren.

Nach etwas mehr als einem Jahr ging es dann vom doch eher tristen Neukölln direkt an den Görlitzer Park in die Wiener Straße. Wir zogen mit einem weiteren Freund aus unserer Heimat zusammen. Wir hatten endlich eine Zentralheizung! Welch ein Luxus. Die Wohnung war nicht schön, aber zweckmäßig, und ich verbrachte dort fünf Jahre. Der Kiez war toll, rund um den Görlitzer Park gibt es genug Keipen und Cocktailbars, um sich als Student die Zeit zu vertreiben.

Foto: bonus1up, CC-Lizenz
Foto: bonus1up, CC-Lizenz

Natürlich gingen wir auch in die Clubs, und Ende der Neunziger war eine spannende Zeit. Wir waren im E-Werk, im Tresor, im WMF (ich glaube zu der Zeit in der Johannisstraße), im Icon, in der Maria am Ostbahnhof und was weiß ich, wo sonst noch. Ich hörte Techno, Big Beat, House, Drum’n’Bass und das ganze Warp-Zeug. Mein Plattenspieler (ein DJ-Nachbau von HTE) war noch aufgebaut, dazu die wirr zusammengestellte Anlage, deren Röhren-Receiver ungefähr zwei Tonnen wog. Ab und zu hörte ich zwar noch Vinyl, aber gekauft habe ich keines mehr. Auch das Erstellen von Mixtapes wurde immer uninteressanter.

Dafür besaß ich immer mehr gebrannte CDs. Ich hatte zwar kaum Geld für neue Alben, aber das brauchte ich auch nicht. Neue Musik wurde auf Rohlinge gebrannt. Wenn sich aus dem Freundeskreis jemand eine neue CD gönnte, dann hatten die kurz darauf alle. Von dem so gesparten Geld kaufte ich mir einen CD-Brenner. Die waren damals noch teuer und brannten nur mit 4facher-Geschwindigkeit. Der Computer wurde wichtig für die Vervielfältigung von Musik. Ein Freund erzählte mir etwas von komprimierter Musik, wo die unwichtigen Daten aus einem Song entfernt werden. So ist er dann auf ein Zehntel seiner ursprünglichen Größe reduziert. MP3 hieß das Format, und es klang nach Zukunft. Außerdem war er ganz begeistert von Napster. Da konnte man dann die MP3s mit anderen Nutzern weltweit tauschen.

Mit genau diesem Freund, meinem einem Mitbewohner und einer Freundin gründete ich 1999 eine Firma. Eine GbR genauer gesagt. Wir nannten uns Flimmerzimmer, mieteten uns ein Kellerbüro in der Behmstraße im Prenzlauer Berg und träumten vom Agenturleben und dem eigenen Audi TT. Natürlich kam alles ganz anders, denn eines waren wir mit Sicherheit nicht: Geschäftsleute. Aber zu unserem Glück kamen wir mit einem blauen Auge davon, und durch die dort erworbenen Kenntnisse landete ich bei meinem ersten Arbeitgeber, der echtzeit AG als Flash Developer. Wir arbeiteten ganz mondän am Hundekehlensee in diesem Schlößchen.

Dort lernte und arbeitete ich viel. Bis zu einem schicksalhaftem Tag: dem 11. September 2001. Einer unserer Kollegen kam irgendwann in das Büro und sagte uns, dass wir den Fernseher anmachen sollten. Was wir dort sahen, ist jedem bekannt. Wir legten die Arbeit nieder und schauten Peter Klöppel fassunglos zu. Am Nachmittag kam unser Geschäftsführer mit seiner Frau in die Firma und erzählte uns, das er die Insolvenz beantragt habe. Völlig paralysiert ging es dann am Abend in die Wuhlheide, wo ich mein einziges Radiohead-Konzert sah. Der 11. September 2001 hatte sich unauslöschlich in mein Gedächtnis gebrannt.

Mehr in Teil 3.

4 KOMMENTARE

  1. Stark geschrieben, erhellend retrospektiv. Speziell “die Pointe” mit dem 11.09.2001. Das nenne ich mal wirklich einen Tag schicksalshafter Erlebnisse und Eindrücke. Mein Kompliment!

    • Danke! Wenn ich das mit dem 11. September so lese, dann klingt das ziemlich dick aufgetragen. Wenn ich es nicht selber erlebt hätte, würde ich es fast nicht glauben.

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