angelika

Heute kommt ein alter Bekannter dieses Blogs zu Wort. Robert von Angelika Express steht mit seiner Band mit beiden Beinen im Internet und hat mit “Werdet Angelika Aktionär” für viel Aufsehen gesorgt. So verwundert es nicht, das er seinen Beitrag passenderweise “Musiker Alltag 2.0” getauft hat. Viel Spaß bei diesem sehr interessanten Einblick!

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Robert (Angelika Express):

Musiker Alltag 2.0

Es war einmal das romantisch verknuste Bild vom Rockpoeten im Elfenbeinturm, der seine Chance auf bürgerliches Existieren aufgab, um laut Gitarre spielen zu können, seine Gefühle zu Textzeilen gerinnen zu lassen und permanent Groupies zu knutschen. Klingt gut, ist ja auch nix gegen zu sagen. Unglamouröser Weise sieht die Realität ein wenig anders aus. Break on through to the other side? Harte Rocker werden zu Bürohengsten, sie sitzen pausenlos am Computer. ProTools, Email, Google, Word, Excel, Myspace, Facebook, Twitter, Photoshop und Konsorten fordern unablässige Aufmerksamkeit. Es sind die Weapons of Mass Construction des DIY Muckers 2.0, die in diesen Zeiten eine ganze Armada von plattenfirmenfinanzierten Söldnern ersetzen können und müssen. Fluch meets Segen.

Ich persönlich bin ja so richtig froh wenn ich auf Tour bin und mal in keine gottverdammte Röhre glotzen muss. Andere Bands hingegen hocken sofort nach der Show backstage, gemeinsam schweigend, vor ihren Laptops, um unter den Augen eines herrischen Jungmanagers ihre Myspace-Freunde zu betüdeln (habe ich in der Form z.B. mal bei We Are Scientists beobachtet, während unsere Gang am Nebentisch den branchenüblichen Aftershow-Rockband-Spaß hatte).

Wie auch immer, der ambitionierte, zeitgemäße Musiker arbeitet oft hart an der Grenze zur Selbstausbeutung. Wenn es einigermaßen gut läuft, kann er im Regelfall mit einer kargen Gewinnspanne aus seinen Aktivitäten rechnen, dünn wie die hohe E-Saite einer rostigen E-Gitarre. Wer es richtig ernst meint, kann wegen Zeitmangel seine semiprekäre Situation natürlich nicht permanent mit irgendwelchen Brotjobs aufhübschen, darum wird das Dispo zum Duz-Freund. Einige Glückliche in der Branche haben allerdings ein durchaus vernünftiges Auskommen, die spielen dann z.B. bei Reamonn, Silbermond oder so. Eigentlich Schade, dass ich persönlich einfach geschmacklich nicht imstande bin, derart mainstream-kompatibel zu arbeiten. Aber ich habe ja noch mein Dispo, Oi Oi Oi!

Aber warum das alles, fragt sich jetzt der geneigte Leser? Wozu all die Entbehrungen und der Stress?

Es gibt zwei handfeste Gründe: Erstens, purer Eskapismus! Der Rockmusiker versucht tendenziell durch seinen hirnrissigen Job ein ganzes Bündel bunter Pubertätsträume in die echte Realität zu beamen. Wenn es jemanden besonders hartnäckig erwischt hat, dehnt sich mithilfe des Musikerdaseins diese Scheinpubertät sogar wie ein geölter Kaugummi durch alle Lebensphasen bis hin zum Punkrock Altenheim, Seite an Seite mit Iggy Pop und Peter Hein. Hauptsache, Lautstärke, Lichtorgeln und Moshpit halten bis zum Schluss alle Sicherungen am Durchbrennen.

Der zweite Grund: Rockmusik ist schließlich hohe Kunst und wird nicht nur von Lautstärke und Egofucking angetrieben, sondern tatsächlich auch von authentischer, kreativer Energie. Und es gibt nichts erfüllenderes, als zusammen mit einem geneigten Publikum einen Song wild gestikulierend zum Leben zu erwecken.

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Infos zu Angelika Express:

MySpace-Seite der Band
Homepage der Band
Last.fm

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Was soll das hier? Wir sitzen auf der einen Seite. Wir hören Musik umsonst, bei Streaming-Anbietern wie last.fm, Spotify, roccatune. Wir kaufen die ein oder andere Platte oder bezahlen für einen Download. Wir gehen auf Konzerte, kaufen Merchandise-Artikel und bezeichnen uns als Fans. Wir lesen Blogs, wir kennen die Hype Maschine und diverse Onlinemagazine. Und, wenn wir ehrlich sind, dann laden wir auch das eine oder ander Musikstück illegal herunter. Das ist unsere Seite.

Und auf der anderen Seite sitzen die Musiker. Denn die Musikindustrie ist genau genommen nur der Vermittler. Sicherlich ein wichtiger Vermittler, der eine Menge falscher Entscheidungen getroffen hat und trifft, und den man mitunter auch verachten kann. Aber auf der anderen Seite sitzt meines Erachtens der Künstler. Und dessen Meinung zur aktuellen Lage der Industrie geht in meinen Augen sehr oft einfach unter. Dabei wäre es doch gerade interessant zu erfahren, wie Musiker heutzutage leben, womit sie ihr Geld verdienen, wieviel Herzblut mit jedem nicht verkauften Album verloren geht, wie anstrengend das dauernde Touren ist, woher das Durchhaltevermögen kommt, warum man sich das überhaupt antut.

Und aus diesem Grund möchte ich die Musiker fragen. Ich bitte ausgesuchte Künstler, auf meinem Blog ihre Meinung kundzutun. Ihre Meinung zu Fans, zu illegalen Downloads, zu ihrem Arbeitsumfeld, ihrer Lebenssituation, der Musikindustrie, dem Musikerdasein. Dabei sind sie in Form und Inhalt völlig frei. Ob das nun ein kurzes Statement ist oder ein Kurzroman, ich mache keine Vorgaben.

10 KOMMENTARE

  1. Da musste ich gerade schmunzeln, ich bin am Wochenende auf nem Diskussionspanel auf der Cologne Commons mit Robert von Angelika Express und wollte mal seinen Standpunkt checken… und da ist doch glatt sein Artikel mit einem meiner Fotos bebildert… wenn das nicht mal ein 1A Beispiel von Creative Commons in der Praxis ist. Schön!

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