Seit eineinhalb Jahren tourt das Trio 206 schon durch Deutschland und war schon Support von Turbostaat, The Kills oder auch Jochen Distelmeyer. Ihr Debütalbum “Republik der Heiserkeit” ist Ende Februar erscheinen und steckt voller kratzbürstiger Gitarrenmusik, reduziert bis aufs Wesentliche, wütend herausgebellt und voll mit Konsum- und Gesellschaftskritik. Grund genug für mich, einmal anzuklopfen. Frontmann Timm Voelker stellte sich meinen Fragen.

Hallo! Vielen Dank, das du dir die Zeit für ein paar Fragen nimmst. Kannst du dich bitte kurz vorstellen?

hallo gallo, ich bin timm voelker, sänger und gitarrist der band 206. florian funke ist der drummer, leif ziemann spielt bass. wir leben in halle und leipzig.

Punk stand ja gerade in den Anfangstagen für den Bruch mit Konventionen, für Selbstverwirklichung und DIY. Der Begriff stand nicht nur für eine Musikrichtung, sondern für eine Lebenseinstellung. Davon ist heute nicht mehr viel übriggeblieben. Was bedeutet euch der Begriff Punk?

du hast die frage schon fast selbst beantwortet: es geht um den bruch mit konventionen, sich selbst in frage stellen, das leben “einstellen”. dem habe ich erstmal nichts hinzuzufügen. wesentlich interessanter ist der zweite teil deiner frage: was ist heute davon übrig geblieben? es gibt eine sehr gut funktionierende punk/DIY szene, die ist, wenn auch international bestens verknüpft, aber in sich relativ geschlossen. und der “normalo” muss da schon hingehen, wenn er mitmachen will.

es lohnt sich manchmal mehr kurz innezuhalten, anstatt angst zu haben, irgendwas zu verpassen.ich kann mir vorstellen, dass sich viele menschen heutzutage von meinungen, idealen und lebenseinstellungen, die ihnen jeden tag aufs neue präsentiert werden, erdrückt oder unterdrückt fühlen. und diese vielfalt erzeugt eine art von apathie, die oft in einer gleichgültigkeit bzw. wertlosigkeit endet, weil eben alles möglich ist und alles den selben wert hat. klingt das pessimistisch? irgendwie schon. ich glaube das wichtigste ist, diese “meinungsüberflut” bewusst wahrzunehmen, um nicht in ihr zu ertrinken und irgendwelchen sinnentleerten idealen nachzurennen. es lohnt sich manchmal mehr kurz innezuhalten, anstatt angst zu haben, irgendwas zu verpassen. leider wird eine lebenseinsstellung, die über “party/abschleppservice” hinausgeht, in der heutigen musik selten vermittelt. ich bin sehr dafür, musik abzufeiern und konzerte zu zelebrieren, finde es aber auch gut, wenn ich merke, dass es um etwas geht – was eben mehr ist als oben genanntes.

Wie sieht eure musikalische Sozialisation aus?

wir 3 haben viele gemeinsame, aber auch unterschiedliche einflüsse. ich bin schon immer der typische rock/pop “fan” gewesen. mein erstes live konzert war slayer mit 13 jahren. da warn die weichen erstmal gestellt: metal. dann kam grunge und dann der ganze postpunk kram, wire, joy division, bauhaus und natürlich PJ HARVEY. sie hat mich mit ihrem gitarren und gesangsstil sehr beeinflusst, auch wenn das vielleicht nicht gleich sofort zu hören ist. deutsche musik war abgesehen von surrogat oder oma hans nie wirklich relevant. leif ist in den 80ern groß geworden, hat also musik fast nur übers radio mitbekommen und da vor allem depeche mode, daneben hat im bereich eletronische musik nen ziemlichen plan, war da selber früher sehr aktiv und hatte den blick immer auch auf den kram, der über den allgegenwärtigen minimal/stampf hinausgeht. florian ist ein großer tony allen fan und hört viel soul und seit neuestem auch roots reggae und dub und hat schon als kind hörspiele und eigene musik gemacht.

du merkst also, wir sind ein ziemlich üppiger blumenstrauß. was uns aber auf jeden fall verbindet, ist das interesse an künstlern, die es schaffen grenzen auszuweiten, zu fordern aber gleichzeitig eben auch “pop-appeal” haben. im prinzip ist das ja auch der grundgedanke des pop.

Eure Songs sind teilweise sehr kurz und oftmals bis aufs Mark reduziert. “Goldjunge” zum Beispiel oder auch “Silbermühle”. Wie sieht bei euch die Gewichtung Text / Musik aus?

musik und text pushen sich gegenseitig. ich hab ein paar sachen zu sagen, die aber ohne die enstprechende musik nicht funktionieren würden. und manchmal ist es eben so, dass die worte die musik nach vorn peitschen. richtig erkannt hast du, dass wir freunde der reduktion sind, weil durch sie das, was da ist, umso intensiver wahrgenommen wird.

Eure Texte haben mit der verklausulierten Befindlichkeitslyrik der Hamburger Schule nicht viel gemein. Sie sind viel eher direkt auf den Punkt, genau wie eure Songs. Woher kommen die Ideen zu den Texten?

die texte kommen mal aus dem weltraum, mal aus dem mund eines zahnlosen straßenbahnpassagiers. ich habe gelernt, mit offenen sinnen durch die welt zu gehen und reflektiere mein umfeld und mich selbst, baue daraus textgebäude, reiße die wieder ein und am ende ist dann da so ein liedtext.

Ist es euch wichtig, die Probleme direkt anzusprechen?

ich sage es mal so: manchmal tut es eben weh, wenn dir jemand seine meinung ehrlich ins gesicht sagt. das ist aber 1000mal besser als das niemals zu hören und dann völlig entgeistert mitzukriegen, dass das leben doch anders funktioniert als du dachtest. ich versuche aber stets “großen” problemen eine form zu geben, die raum für eigene gedanken lässt. eine gewisse poesie ist essentiell für musik, sonst wird es ganz schnell zu agitprop und das ist nun wirklich nicht unser bier…dieses “wir die guten/ihr die bösen” ding ist in der wirklichkeit nicht anwendbar und überholt.

Wie entstehen eure Songs? Tüftelt ihr eher zuhause an Ideen oder entstehen sie bei den gemeinsamen Proben?

in den meisten fällen schreibe ich das, was dann später ein song wird, allein. stell’s dir so vor: ich bring ne tüte mit knochen an und gemeinsam setzen wirs zu nem skelett zusammen. das klingt ein bisschen morbide, ist aber ein ganz guter vergleich…

Wie war die Zusammenarbeit mit Tobias Levin?

herr levin hat erkannt, was die essenz der band ist und uns dazu gebracht, diese bewusst wahrzunehmen und dann aufs band zu bringen. diese gabe macht ihn schon ziemlich einzigartig und für uns war es extrem “erleuchtend”, mit ihm gemeinsam zu arbeiten.

Ihr habt ja schon einige Bühnenerfahrung, seid mit Turbostaat oder auch Jochen Distelmeyer auf Tour gewesen. Wie sind die Reaktionen des Publikums, gerade auch nach dem Release eures Debüts?

entweder sind sie total begeistert, oder du hast ne reihe von leuten vor dir, die auf ihren iphones rumwischen und froh sind, wenn du endlich fertig bist, damit sie fotos vom hauptact schießen können, um zu sagen “ich war da”wir haben sehr viele shows als vorband gemacht. das hat den vorteil, dass du vor vollen häusern spielst, du bekommst aber auch sehr direkte und ehrliche reaktionen des publikums, weil sie eben nicht wegen dir kommen. entweder sind sie total begeistert, oder du hast ne reihe von leuten vor dir, die auf ihren iphones rumwischen und froh sind, wenn du endlich fertig bist, damit sie fotos vom hauptact schießen können, um zu sagen “ich war da”. ich würde das nicht unbedingt als nachteil bezeichnen, sondern eher als so ne art “harte schule”, in der ne band viel erfahrung sammeln kann. jetzt, mit der platte draußen, haben die leute ne ganz andere erwartungshaltung. sie kommen um unsere musik zu hören, gehen mit und checken was abgeht. und trotzdem gibts da auch immer ein paar verwirrte augen, die ein bisschen überrumpelt starren. aber wie schon gesagt: manchmal muss es eben weh tun.

Lasst ihr lieber auf der Bühne die Sau raus oder tüftelt ihr lieber im Studio?

wenn wir live spielen, gibt es nichts besseres als das. wenn wir aufnehmen, gibt es nichts besseres als das.

Ich muss zugeben, das ich mich in Halle nicht sonderlich gut auskenne. Gibt es dort eine aktive Szene? Habt ihr Empfehlungen?

es gibt dort, wie in jeder stadt, eine musikszene. die in halle ist, der größe der stadt entsprechend, überschaubar. so haben wir bei 206 auch zusammengefunden. leif hat meine ersten demos aufgenommen und ich hab mit florian auch schon gemeinsam in ‘ner anderen band gespielt. meine lieblingsband heißt EVA LOFT. die haben auch 2 platten rausgebracht, leider haben sie sich dann aber aufgelöst. die OMNIBUS konzertveranstalter machen extrem gute konzerte im bereich noise, avantgarde, so freakzeug, und das mit ziemlich viel herzblut.

der beste imbiss ist das LA KAROT: best vegan fingerfood ever. da ich und florian inzwischen in leipzig leben, freuen wir uns auch schon sehr, da essen zu gehen, wenn wir in halle spielen.

Vor Kurzem startete in Deutschland mit simfy ein Streaming-Angebot, welches die eigene Plattensammlung im Prinzip überflüssig macht. Für 10 Euro im Monat hat man Zugriff auf über 6 Millionen Songs (so zumindest die Werbung) und kann diese auch auf dem eigenen Mobiltelefon immer dabei haben. Ihr seid dort auch vertreten, “Hallo Hoelle” und “Keine Sonne keine Cola” sind die Topsongs. Wie steht ihr als Künstler dazu?

davon habe ich persönlich jetzt nicht soviel mitbekommen. bevor jetzt aber alle ihre plattensammlungen wegwerfen, sollen sie die lieber bei uns vorbeibringen, haha…
ich stehe solchen plattformen skeptisch gegenüber und schätze das bewusste erlebnis des tonträger hörens…nicht mit pfeife im ohrensessel, aber eben real und nicht irgendwelche files die aus einsen und nullen bestehen und mich aus meinem handy anplärrren. ich hab auch nen mp3 player, klar, aber ich kann das “konsumieren” von musik, im sinne der verfügbarkeit von allem und jedem, nicht gutheißen. das führt zu beliebigkeit, und dafür wird musik nicht gemacht.

Möchtest du meinen Lesern noch etwas sagen?

ich hab in diesem interview zu ein paar sachen meinen senf abgegeben, es ist aber extrem wichtig, dass sich jeder eine eigene meinung bildet und nicht einfach das, was auf dem teller liegt, schluckt. es geht darum fragen zu stellen, nicht antworten zu suchen. kommt zu unseren konzerten, da gehts um musik und es wird nicht so viel gelabert. in diesem sinne: bis dann! und vielen dank für das interview.

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206 auf Tour:
14.04.2011 Bernburg, Breite Straße
15.04.2011 Halle, Klub Drushba
16.04.2011 Bautzen, Steinhaus
19.04.2011 Mainz, Schon Schön
20.04.2011 Würzburg, Jugendkulturhaus Cairo

206: MySpace

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