Freitag, 30. März. Ich befinde mich in einem Hotelzimmer in Berlin. Mir gegenüber sitzt Ramesh Srivastava, Sänger von Voxtrot. Er ist auf Interview-Tour, denn im Mai erscheint endlich das Debüt der 5 Texaner. Ich unterhielt mich mit dem unglaublich netten und gut aufgelegten Frontmann über das Album, das Internet und die Entstehungsgeschichte der Band.

nicorola: Seit wann gibt es Voxtrot?

Ramesh: Voxtrot besteht als Band eigentlich seit 4 Jahren, aber ich habe die Band gegründet und bin dann nach Schottland gegangen, weswegen wir nur in den Ferien oder zu Weihnachten zusammen gespielt haben. Letztes Jahr bin ich dann zurück nach Austin gezogen um Voxtrot zu einer Vollzeit-Band zu machen.

nicorola: Du bist der Haupt-Songwriter?

Ramesh: Ja, ich bin der einzige Songwriter.

nicorola: Wie war der Anfang?

Ramesh: Ich habe eigentlich nie damit gerechnet in einer Band zu sein….deswegen dachte ich anfangs, ich mache einfach Musik und gebe sie an meine Freunde. Aber einige Läden in Austin liessen mich die CD in die Regale stellen und einige Leute kauften sie. Und dann….ich weiss nicht genau, was dann passierte, denn wir spielten nur ein oder zweimal im jahr, aber irgendwie wurden wir immer grösser und grösser. Ohne eigentlich wirklich live zu spielen oder eine Platte zu veröffentlichen. Dann haben wir die drei EPs aufgenommen.

nicorola: Hast Du darüber nachgedacht, die Songs der EPs für das Album neu aufzunehmen?

Ramesh: Ich wollte “Mothers, Sisters, Daughters & Wives” auf dem Album haben, aber die anderen haben mich überstimmt. Die Band ist demokratisch, also ist es nicht auf dem Album.

nicorola: Du bist der einzige Songwriter, aber die Band ist demokratisch?

Ramesh: Unglücklicherweise, ja (lacht). Ich dachte, es wäre nett, weil das ein starker Song ist. Aber das macht nichts. Er hätte vielleicht geholfen, das Album zu verkaufen. Aber wenn die Leute die Musik wirklich mögen, dann können sie sich die EPs immer noch besorgen. Ich plane, die drei EPs noch einmal als komplettes Album zu veröffentlichen, nach diesem Album.

nicorola: War es schwierig für dich, an dem Album zu arbeiten?

Ramesh: Es war sehr schwer. Weil sich da schon eine Menge Druck aufgebaut hatte. Das war ein sehr ehrgeiziges Unterfangen. Es war nicht so spontan wie die EPs. Ich denke, die drei EPs sind sehr poppig und tanzbar. Die Leute sagen, das sie sofort ins Ohr gehen. Ich denke, das Album hat dagegen mehr zu bieten, wenn du dir die Zeit nimmst, es öfter zu hören. Aber es ist nicht so direkt, eher dunkler und komplexer.

nicorola: Ich habe eure Musik bei eMusic entdeckt. Kennst du eMusic?

Ramesh: Ja, natürlich.

nicorola: Was hälst Du davon?

Ramesh: Ich wünschte es wäre immer noch so wie in den Zeiten des Albums. Aber es ist ok so, wie es ist. Weil das Angebot der Download-Shops immer noch besser als das illegale Herunterladen ist. Ich denke, das Anbieter wie eMusic oder der iTunes Music Store wichtig und gut sind, weil sie die Musikhörer ermutigen, Musik legal zu kaufen. Das ist irgendwie “anständiger”. Es ist schon verrückt. Ich musste für mich akzeptieren, das die Leute sich einfach alles herunterladen, was sie finden können. Heutzutage ist es schwer, mit CD-Verkäufen viel Geld zu verdienen. Das muss halt von den Liveauftritten kommen. Das ist ok.

nicorola: Ich habe in einem New York Times-Artikel darüber gelesen, das bei den grossen Plattenfirmen über eine Abschaffung des Album-Formats nachgedacht wird. Zumindest für einige Genre.

Ramesh: Das ist lustig, weil wir uns da genau in Richtung Vergangenheit entwickeln. Und das ist irgendwie cool. Ich denke im Lauf der Zeit wird Musik immer beliebiger. Aber richtige Musikliebhaber werden immer etwas in den Händen halten wollen.

nicorola: Ich habe in deinem Blog gelsen, das du momentan eine eher zwiespältige Meinung zum Internet hast. Wie denkst du über Blogger und das Netz allgemein?

Ramesh: Für Bands wie uns ist es von Vorteil. Wie haben nie viel live gespielt und hatten keine Platte. Es funktionierte wegen des Internets. Weblogs sind gut, weil Blogger einfach schreiben, sie machen es nicht um des Geldes Willen. Sie schreiben, weil sie Musik lieben. Ich finde das gut, weil es nichts mit der Musikindustrie zu tun hat. Ich mag nur die extrem verkürzte Aufmerksamkeitsspanne nicht. Die Loyalität gegenüber den Künstlern leidet darunter. Die Hörer investieren nicht mehr soviel Zeit in das Musikhören… und das ist schade.

nicorola: Alles ist immer und überall verfügbar.

Ramesh: Ja, und dann hörst du kurz rein, und wenn es dich nicht sofort packt…(Fingerschnippen) Ich hasse das. Ich selber lade mir keine kompletten Alben illegal herunter. Da habe ich irgendwie moralische Bedenken. Wenn die Künstler selber oder Freunde mir eine oder zwei MP3s geben, das ist gut. Denn dann kann ich herausfinden, ob mich die Musik packt.
Aber die meisten Leute, dich ich kenne haben weniger Probleme damit, sich Sachen einfach herunter zu laden. Sie wollen alles haben, die neue Arcade Fire oder was auch immer. Nach dem Motto: siehst du, was ich alles auf meinem iPod habe? Hier, 20.000 Songs! Und das hat dann absolut keine Bedeutung mehr. Du hörst dir das zweimal an, und dann vergisst du, das es überhaupt da ist. Und das war’s.

Stell dir mal vor, so jemand wie Morrissey zum Beispiel, der ist eine Kultfigur. Oder nimm Belle & Sebastian. Die Leute sind emotional mit diesen Künstlern verbunden. Belle & Seabstian haben mit einer Vinyl (Single?) und einem Tape angefangen, und durch Mundpropaganda lernten immer mehr Leute sie kennen. Und ab einem gewissen Punkt war da eine richtige Fangemeinde. Das Gleiche gilt für The Smiths. Aber heutzutage wäre das meiner Meinung nach nicht mehr möglich. Denn auch wenn du sehr persönliche und emotionale Musik schreibst, dann hängen die Hörer nicht mehr so daran wie früher.

nicorola: Wenn ich das Album umsonst bekomme, kaufe ich es mir noch, oder gehe ich auf das Konzert? Eine harte Entscheidung, denn Konzerte sind heutzutage sehr teuer.

Ramesh: Weil die Bands da ihr Geld machen.

nicorola: Das ist schon eine Art Wandel.

Ramesh: Nun, dann kauf es dir auf Vinyl. Nein, Quatsch. Es ist hart, vom Kauf einer CD begeistert zu sein. Ich meine, wenn interessiert das? Nur eine weitere in meiner Sammlung. Darum glaube ich, das Vinylplatten wichtig sind. Ich weiss nicht, was ich mir für die Zukunft wünsche. Ich schätze….MP3s sind ok für mich. Einige Leute lieben Vinyl, andere hören nur einzelne Songs als MP3 oder laden sich komplette Alben…..solange sie in das Konzert kommen. Ich denke, das sich die Musikwelt in zwei Lager von Hörern aufteilt: die Leute, die sich mit der Musik beschäftigen und die Gebrauchshörer. Ich war immer eher im ersten Lager anzutreffen. Ich bin ein grosser Fan.

nicorola: Wenn du eher Fan bist: Was hörst du im Moment?

Ramesh: Ich höre hauptsächlich elektronische Musik. Als ich nach Glasgow ging, da habe ich Techno und Dance-Musik für mich entdeckt. Es ist schon länger her, das ich eine Indieband gehört habe, die ich mag. Was ich wirklich liebe, ist dieses Mädchen Judee Sill. Aus den Siebzigern. Sie war unglaublich. Ich bin immer wieder besessen von Musik. Ich war besessen von den Beatles, ich war besessen von Belle & Sebastian oder The Smiths und nun bin ich bessesen von Judee Sill. Sie ist mein neues Fan-Ding. Unglücklicherweise starb sie 1979.

nicorola: Du hörst also richtig Techno oder eher Electronic Listening?

Ramesh: Eigentlich mehr Dance-Musik. Da gibt es so viele Spielarten. Ich mag richtig harten Techno.

nicorola: Also eher nichts in Richtung Warp?

Ramesh: Ich mag das schon. Aber ich bevorzuge eher das Zeug, das für’s Tanzen produziert wurde, nicht so sehr die intelektuelle Schiene. Wer ist nochmal bei Warp?

nicorola: Zum Beispiel Autechre oder Aphex Twin.

Ramesh: Oh, Autechre. Das ist ein gutes Beispiel, diese Musik ist mir zu ruhig. Ich mag eher so Sachen wie die Künstler vom Kompakt-Label und BPitch-Control, wie zum Beispiel Ellen Alien und Modeselektor. Ich mag auch richtig alten Techno wie Green Velvet und Daft Punk.

nicorola: LFO?

Ramesh: Ja, LFO. Grossartig.

nicorola: Wo lebst du eigentlich im Moment?

Ramesh: Nun, rein technisch gesehen in Austin. Meine Eltern leben da. Aber so richtig zu Hause bin ich momentan nirgendwo. Ich meine, wenn ich zurück nach Glasgow komme, das ist irgendwie nicht mein zu Hause.

nicorola: Du hast in Glasgow studiert?

Ramesh: Ja, Literatur.

nicorola: Und Musik hast Du auch mal studiert?

Ramesh: Ja, für ein Jahr. Aber das ist sch****. Popmusik zu studieren, das ist eine ziemlich nutzlose Sache.

nicorola: Wie studiert man das?

Ramesh: Nun, du lernst in einem Seminar, wie man Songs schreibt. Wie man gewisse Gefühle an bestimmten Punkten erzeugt. Ich habe aber nie an solchen Seminaren teilgenommen. Das ist verrückt. Unser Gitarrist hat seinen Abschluss an dieser Uni gemacht. Aber er hat mehr das Technische studiert, wie man Gitarre spielt und so. Das ist eigentlich ganz gut, weil du dann weisst, was du da tust, während du spielst. Aber es beeinflusst deine Kreativität.

nicorola: Ihr wart vor ein paar Wochen in Berlin. Im Mudd-Club? Wie waren die Reaktionen? Habt ihr neue Songs gespielt?

Ramesh: Eine Hälfte alte, die andere neue Songs. Die Reaktionen waren gut. Eigentlich sogar sehr gut. Sowohl in Hamburg, als auch in Berlin. In Hamburg war zwar der Sound nicht so toll, aber die Leute waren sehr begeistert. In Berlin ebenfalls. Ich habe eine Menge wirklich netter Leute getroffen, war in einigen grossartigen Clubs. Es war cool.

nicorola: Magst Du Berlin?

Ramesh: Ich liebe Berlin. Ich möchte hierher ziehen, und anscheinend zieht auch die ganze Welt nach Berlin. Wenn ich dann hier bin, dann ist das vielleicht eher unoriginell.

nicorola: Möchtest Du meinen Lesern noch irgendwas sagen?

Ramesh: Ich weiss nicht. Danke für’s Zuhören. Mir fällt gerade nichts Originelles ein.

nicorola: Vielen Dank!

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Das selbstbetitelte Debüt erscheint am 25. Mai. Hier schonmal eine Kostprobe:

Kid Gloves

Ein paar weitere MP3s von den EPs:

Trouble (Your Biggest Fan EP)
Mothers, Sisters, Daughters & Wives (Mothers.. EP)
The Start Of Something (Raised By Wolves EP)

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Links:

MySpace-Seite der Band
Voxtrot-Homepage
The Voxtrot Kid (Blog von Ramesh)

4 Kommentare

  1. Super! Durch dieses Interview rückt die Band ein Stück näher an mich heran. In das Album sollte man zumindest mal reinhören. Beim Song The Start of Something hört man allerdings zu stark heraus, dass sie The Smiths verehren.

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