Es gehört glaube ich zu den Lieblingsspielen von musikbegeisterten Menschen, sich eine Liste der zehn wichtigsten Platten des eigenen Lebens zusammen zu stellen. Die zehn Platten für die Insel gewissermaßen. Das wissen wir nicht erst seit Nick Hornbys High Fidelity. Jedes Mal wenn ich damit anfange, fällt mir auf, wie wenig weiblichen Gesang ich unter meinen Favoriten finde. Beth Gibbons ist ab und an darunter, aber sonst? Die holde Weiblichkeit spielt in meiner Auswahl immer eine untergeordnete Rolle. Das könnte sich aber ändern, denn ich habe hier direkt vor mir vier Platten liegen, welche mir den nahenden Herbst versüßen. Dear Reader, Boy, Säkert! und ganz besonders Annie Clark.

Letztgenannte hat auf ihrem jüngsten Werk wirklich eine seltsame Gnade entwickelt, vor allem für den Zuhörer. Ihre letzte Platte enthielt noch Songs wie “The Neighbours”, welche ohne die ordnende Hand der Schöpferin wohl in sich zusammengefallen wären und einen Scherbenhaufen hinterlassen hätten. Clark hat die Lust an dem eigenwilligen Bruch, am Schrägen und an der musikalischen Blutgrätsche nicht verloren. Das mit Sicherheit nicht. Nur sind die elf neuen Songs straffer, zielgerichteter und dadurch auch ein wenig eingängiger. Eines sind sie aber nach wie vor: faszinierend, berührend, ungewöhnlich und verspielt.

Ich liebe die Art und Weise, mit der Annie Clark es schafft, in fast schon formatradiotaugliche Songs wie “Cruel” verstörende Elemente wie das Gitarrensolo zu platzieren. Ohne dabei den roten Faden zu verlieren. Einer meiner Favoriten: der mit einem über sich selbst stolpernden Beat beginnende Titelsong, welcher sich sanft zu einer Melodie windet, die man irgendwo schon einmal gehört hat, die aber im richtigen Moment vom ausgetretenden Pfad abweicht und dabei sofort im Ohr hängen bleibt.

Aktuell ist “Strange Mercy” ein ganz heißer Kandidat für die Insel. Ob die Begeisterung über die kommenden Wochen und Monate anhält, wird sich zeigen. Ich habe da allerdings vom Feeling her ein gutes Gefühl.

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Foto: Tina Tyrell

4 KOMMENTARE

  1. bei mir ist es fast umgekehrt, ich höre in letzter zeit fast nur noch alben mit weiblichem gesang. über allem trohnt “the fool” von warpaint aus dem jahr 2009. vor allem live ist mir im moment keine bessere band bekannt…

    was das aktuelle musikjahr angeht, halte ich die platten von boy und dear reader auch für ganz ganz großes (musik)kino. außerdem zu emfpehlen: wye oak, allessi’s ark, anna calvi, laura marling, caitlin rose, the sparrow and the workshop. des weiteren verehre ich das album “i’m not as good at it as you” von s (alias jenn ghetto) und bin extrem positiv überrascht von naima husseini, die auf ihrem ersten in diesen tagen erscheinendem soloalbum mit einer art r’n’b-pop auf deutsch überzeugt.

  2. warpaint thront natürlich über allem, wenn man das überhaupt so sagt… und außerdem finde ich es irgendwie passend, einen artikel über weiblichen gesang mit einem zitat von andreas möller abzuschließen…

  3. Mir geht es ähnlich wie dir. Ich finde fast nur männliche Musiker in meinen Favoriten. Warpaint, Lykke Li und New Young Pony Club wären jetzt spontan die einzigsten, die mir auf der “Insel” wirklichen fehlen würden.

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