Fast 25 Jahre nach „Turn On The Bright Lights“ stehen Interpol noch immer im Schatten ihres Debüts. Es ist ein Schatten, den die Band längst akzeptiert zu haben scheint. Mit „This Mirror Weighs A Ton“ versucht sie jedenfalls nicht, die Vergangenheit einfach noch einmal aufzuwärmen. Stattdessen öffnet sich der vertraute Interpol Sound vorsichtig für neue Farben. Ganz so radikal, wie es der erste Eindruck verspricht, ist die Veränderung allerdings nicht.
Schon der Titeltrack macht deutlich, was möglich gewesen wäre. Der Song beginnt mit viel Raum, einem schleppenden Beat, sphärischen Stimmen und flirrenden Synthesizern. Die Gitarren rücken zunächst in den Hintergrund, während Bass, Percussion und Soundflächen das Geschehen bestimmen. Für Interpol ist das ungewohnt und zugleich ausgesprochen gelungen. Der Song klingt wie eine mögliche Zukunft dieser Band.
Danach wird es allerdings wieder vertrauter. „See Out Loud“ könnte durchaus auf einem der ersten beiden Alben stehen. Daniel Kessler übernimmt dabei erstmals seit „PDA“ wieder für einige Zeilen das Mikrofon. Der Song treibt nach vorne, klingt vertraut und zeigt, dass Interpol ihren klassischen Sound keineswegs abgelegt haben. „Wounded Soldier“ geht noch einen Schritt weiter und verbindet einen druckvollen Basslauf mit düsteren Gitarren und ungewöhnlich direkten Texten.
Interessanter wird es immer dann, wenn die Band ihre gewohnten Strukturen verlässt. „Iron City“ setzt auf Piano, Glockenspiel und elektronische Elemente, während „Enemy“ fast vollständig ohne Gitarren auskommt. Gerade diese Stücke zeigen, dass Interpol nach all den Jahren noch immer Möglichkeiten findet, ihren Sound zu erweitern. Allerdings bleiben die neuen Elemente häufig eher Ergänzung als wirkliche Veränderung. Sie geben den Songs neue Farben, stellen die bewährte Formel aber nur selten auf den Kopf.
Dafür gibt es mit „Wake Up“ einen echten Ohrwurm. Bongos, ein treibender Bass und eine markante Gitarrenfigur sorgen für Bewegung, bevor sich der Song in einen weitläufigeren Refrain öffnet. „Bird And The Serpent“ gehört ebenfalls zu den Höhepunkten. Hier treffen kantige Gitarren auf verspielte Percussion und elektronische Elemente. Besonders das lange Outro entwickelt einen enormen Sog.
Paul Banks bleibt lyrisch gewohnt rätselhaft. Selbstreflexion, Schlaf, Träume und die eigene Vergangenheit ziehen sich durch die Platte. Der Titel passt deshalb ziemlich gut: Dieses Spiegelbild ist schwer zu tragen, aber offenbar notwendig. Banks klingt dabei so präsent wie lange nicht mehr, ohne seine typische Distanz aufzugeben.
„This Mirror Weighs A Ton“ ist kein zweites „Turn On The Bright Lights“, will es aber auch gar nicht sein. Viel spannender ist die Frage, ob Interpol hier wirklich einen neuen Weg einschlagen. Die Antwort lautet: teilweise. Der Titeltrack, „Enemy“ und „Bird And The Serpent“ zeigen, wie interessant diese neue Richtung sein könnte. Dazwischen stehen allerdings einige Stücke, die wieder sehr deutlich nach Interpol klingen.
Das ist keineswegs schlecht. Im Gegenteil: „This Mirror Weighs A Ton“ gehört zu den besseren Alben ihrer späteren Phase. Nur hätte ich mir nach diesem großartigen Auftakt etwas mehr Mut gewünscht. Die Band zeigt, dass sie noch überraschen kann. Jetzt müsste sie es nur noch konsequenter tun.










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