Aus der Sicht der Fans ist Streaming eine tolle Sache. Bei Anbietern wie Spotify, rdio oder Deezer bekommt man für 10 Euro im Monat Zugriff auf 15 Millionen Songs oder mehr und kann diese mit dem Smartphone überall hören. Keine Frage: das ist ziemlich großartig. Was ist aber mit den Musikern? Wie stehen diese dazu? Wieviel Geld von den Streaminganbietern landet am Ende des Monats auf dem Konto? Macht sich die Verbreitung des Streaming in den CD-Verkäufen bemerkbar? Muss jetzt noch mehr getourt werden? Deshalb meine Frage:

Streaming – Fluch oder Segen?

Heute mit Hagen von Boy Android.

Nico hat natürlich Recht: 15 Millionen Songs für 10 Euro monatlich, ist für jeden Konsumenten eine ziemlich geile Sache. Legal und für einen Preis, der den meisten keine großen Kopfschmerzen bereiten sollte. Darin liegt möglicherweise auch das Problem, das man ja zur Genüge in letzter Zeit bei der Diskussion um Urheberrechte und GEMA mitbekommen hat: Musik wird von vielen als Allgemeingut angesehen, dass am besten jedem kostenfrei zu Verfügung gestellt werden sollte. Dieser kleine Spotify Obolus scheint da ein Kompromiss zwischen Legalität und eben dieser Ansicht zu sein. Das ein verschwindend kleiner Teil der Musikschaffenden wirklich ordentlich Geld mit Musik macht, wird oft übersehen. Ich nutze im Übrigen selber Spotify…

Ich möchte euch ein bisschen was zu unserem Background erzählen

Boy Android gibt es seit mittlerweile 10 Jahren. Wir wurden nie sonderlich gepusht und haben uns selbst um alle anfallenden Dinge gekümmert. In dieser Zeit entstanden einige DIY EPs verschiedenster Ausprägung und Qualität, bis wir uns schließlich musikalisch genug gefestigt fühlten (vor allem aber das nötige Kleingeld zusammen hatten), um eine richtige, nach unseren Wünschen und Ansprüchen produzierte Platte an den Start zu bringen. Trotz sehr guter Kritiken sind wir im Musikbusiness ein “schweres Thema”. Dieser Ausdruck ist ein gebräuchlicher Begriff und soll heißen: Nischenmusik, kann man schlecht Geld mit machen. Glücklicherweise gibt es einige Indie-Labels, die den Profit der Leidenschaft unterordnen und in Stickman haben wir genauso ein Indie-Label gefunden, wie wir es uns immer gewünscht haben. Dazu mit Community einen Verlag, den wir auch ganz doll lieb haben. Warum ich das erzähle: Es ging uns nie um’s Geld, und die ganze Sache ist ein großer und entscheidender Teil unseres Lebens. Und wir möchten nichts davon missen. Die Illusion, davon auch nur annähernd meine Miete zu zahlen, habe ich vor Jahren begraben. Alles was man an Geld, Zeit und Hingabe reingesteckt hat, ist eben der Preis für das, was man liebt. Und das ist auch ok so. Diese Ansicht hat unsere Musik geprägt, und ich denke es würde Indie-Musik in seiner Vielfalt und Facettenreichtum nicht geben, ohne Musiker mit ähnlicher Einstellung. Pathos aus.

Hier jetzt aber mal zum eigentlichen Thema

Mittlerweile kommt oft die Frage: “Seid ihr auch auf Spotify?” Ergo: eine CD weniger verkauft.Der Großteil der Konzerte, die wir 2012 gespielt haben, waren Support-Shows. In der Regel kann man damit rechnen, dass man, wenn man Glück hat, dabei nicht draufzahlt und einige sehr geile Abende unter Gleichgesinnten verbringt. Viele andere Gigs sind meist auch nicht so bezahlt, das man darüber großartig viele Worte verlieren muss. Das einzige Geld, was wir also an solchen Abenden wirklich “verdienen”, wird am Merchstand gemacht, mit T-Shirts und eben CDs. Mittlerweile kommt oft die Frage: “Seid ihr auch auf Spotify?” Ergo: eine CD weniger verkauft. Unser Argument der Unterstützung zieht dann in den seltensten Fällen, der Fan zahlt ja schließlich 5-10 Euro für den legalen Dienst, die letztendlich an den Künstler fließen. Uns kann es allerdings reichlich egal sein, ob unser geistiges Eigentum illegal runtergeladen wird oder wir pro Play ca. 0,001 € erhalten. In unserer Liga können wir uns dann am Ende des Tages freuen, wenn wir uns alle ein Bier davon kaufen können. Dass da der Verkauf einer CD, die in der Herstellung vielleicht 2,50 € kostet, deutlich lukrativer ist, sollte jedem einleuchten. Dabei geht es nicht ums reich werden, sondern darum, seine Ausgaben im Griff zu haben und für seine erbrachte Leistung nicht noch drauf zu zahlen.

Zur Ausgangsfrage: Fluch oder Segen?

Keine Ahnung. Möglicherweise wie so oft die zwei Seiten der Medaille. Das fehlende Geld aus CD-Verkäufen hilft Indie-Bands sicher nicht neue Aufnahmen zu produzieren, eigene Touren (die oft ein großes finanzielles Risiko darstellen) zu spielen oder mal ein schönes Video zu drehen. Auf der anderen Seite bin ich am Ende froh, wenn mehr Leute unsere Musik hören können, daran Gefallen finden und so unsere Konzerte besuchen.

[lightgrey_box]Dies ist der erste Teil einer geplanten Reihe, in der ich Musiker zu ihrer Sicht der Dinge befrage. Ob es sich dabei um einen ausführlicher Artikel, eine kurzes Statement, ein Audiofile, ein Video oder gar einen Song handelt – das Format und die Länge sind nebensächlich, die Meinung nicht. Warum ich das mache? Ich finde es wichtig, das wir alle über die Auswirkungen des Streaming nachdenken, bevor es zu spät ist. Für wen oder was auch immer. [/lightgrey_box]

Boy Android Shop
Boy Android bei Amazon

Auf Tour:
Samstag, 1. Dezember 2012 – Hammelburg, Wasserhaus
Sonntag, 2. Dezember 2012 um 20:00 – Kesselhaus München (w/The Cranberries)

13 KOMMENTARE

  1. Kleine Anmerkung an die Verfasser….

    Ihr ergreift ja eindeutig Stellung für den Künstler und seine Situation – gut so. Nieder mit Spotify und co meine ich.

    Aber: Wenn Ihr schon auf die finanziellen Sorgen von Bands hinweist, dann supported Indie auch komplett und verlinkt nicht auf den Scheiss Amazon!! Von den 13 Euro dort kommen beim Künstler/Label nur 5 Euro an.
    Mit etwas Suche hättet Ihr auch den Band-eigenen Shop gefunden: http://boyandroid.bigcartel.com/

    • Ach so: eindeutig Stellung gegen die Streamingdienste beziehe ich selber nicht, da auch ich sie nutze. Es gab hier schon öfter Diskussionen zu dem Thema, z.B. hier: https://www.nicorola.de/spotify-ist-an-sich-nicht-bose/

      Ich selber bin zwiegespalten: einerseits begeistert von den technischen Möglichkeiten, andererseits erschrocken darüber, was am Ende für die Menschen übrig bleibt, deren Arbeit ich liebe.

      Darüber sollten wir genau jetzt, in einer Zeit, in der diese Dienste mit frischem Kapital versorgt werden und ihren Siegeszug antreten, diskutieren. Und dabei auch die zu Wort kommen lassen, um die es eben auch geht: die Künstler.

      Deswegen mache ich das hier.

  2. Hmmm, ich finde die Aussagen der Band ein wenig seltsam. Einerseits beklagen sie, dass sie mit Streams lächerliche Summen verdienen und weniger CDs am Merchtisch verkaufen, andererseits haben sie sich selbst dafür entschieden, ihre Musik Spotify (das, anders als die Künstler, ordentlich Knete macht) zur Verfügung zu stellen. Das passt doch nicht zusammen.

    • Ich sehe da kein Beklagen. Es ist einfach eine Tatsache, dass eine CD deutlich mehr einbringt. Im Übrigen ist es ein schönes Gefühl, nach Konzerten CDs zu verkaufen, weil es ein ziemlich direktes Feedback ist. Streaming Dienste sind aber eben auch ein weiterer Kanal seine Musik zu verbreiten und werden immer mehr genutzt. Eine Band die nicht bei bspw. spotify gefunden wird, wird von einigen Usern sicher weniger professionell eingeschätzt und einfach wieder vergessen. Man liest eine Rezension, möchte mal in die Band reinhören, findet sie nicht bei seinem Streaming-Anbieter, chance vertan einen neuen “Fan” zu finden. Zweischneidges Schwert, ganz klar.

    • @Christoph: Durch Spotify erreicht man eine Menge Leute, was für eine Band in der Größenordnung wahrscheinlich das wichtigste ist (so ist es zumindest bei uns). Also muss man sich entscheiden, nicht gehört zu werden, weil alle nur Spotify nutzen (leicht übertrieben), oder den Deal mit dem Teufel einzugehen, weil einem “Gehört werden” wichtiger ist als die Kohle.
      @Boy Android: Wunderschönes Mission-Statement, konnte uns gut drin wieder erkennen. Pathos an!
      @Nico: Interessante Reihe, danke!

  3. die band hat mit allem recht, was sie sagt.
    aber: 1. sie nutzen selbst streaming dienste und haben so kein recht, von ihren potentiellen und schon bestehenden fans ein anderes verhalten zu erwarten. inkonsequent.
    2. sie stellen ihre songs auf streaming diensten zur verfügung und beschweren sich dann, dass potentielle und schon bestehende fans das angebot nutzen. inkonsequent.

    • …und du hast mit allem Recht, wenn man in dem Text ein großes Aufbäumen und Beschweren über streaming Dienste und Fans die diese nutzen sehen will. Das war nicht die Absicht. Ich selbst bin wohl der mieseste, ineffektivste Nutzer dieser Dienste. Meisten höre ich das, was ich schon immer gehört hab, z.B. alte Cure Alben, die ich selbst zu Hause habe und die mein CD Spieler schon nicht mehr lesen kann. Es ist einfach ein sehr komfortabler Dienst, CDs oder Platten rumschleppen macht nur bedingt Spaß. Ich kaufe mir aber auch regelmäßig Alben unbekannterer Bands, die ich bspw. im Vorprogramm sehe. Da ist es mir egal, ob diese Band eben auch auf Spotify ist oder nicht. Ich weiß wie es solchen Bands geht, erwarte aber auch nicht, dass das jeder so sieht. Songs nicht auf Streaming Dienste zu stellen ist ein Idealismus, den keine Sau interessiert. Wenn man dort nicht gefunden wird, interessiert es den Nutzer einen feuchten, aus welcher Überzeugung man dort nicht stattfindet.

  4. das argument mit der reichweite zieht nicht so wirklich. hat sich diese wirklich so viel verbessert für junge bands, seitdem es die ganzen plattformen gibt? in reviews gehört eine möglichkeit, sich die band selbst anzuhören. sei es durch ein video oder einen link zu soundcloud, bandcamp, der bandhomepage ja sogar fb bzw. ein widget. weil wir diese meinung vertreten, machen wir das auch immer so. ich persönlich habe noch nie eine review gelesen, bei der keine solche möglichkeit integriert war und gedacht “jetzt gehe ich zu XY und suche die band”. und das machen doch wirklich die wenigsten. es ist üblich direkt die band bei fb zu suchen (oder, wenn vorhanden, wie bei uns, auf den link zum fb profil zu klicken) und dort fündig zu werden. wenn bands dieses medium nicht zu nutzen wissen, weder über die verschiedenen möglichkeiten dort anbieten, ein video zu finden oder zum soundcloud, bandcamp etc. zu gelanden, und sei es durch einen link auf der info seite, ist das das verschulden der band selber.

    wer sich allem unterjocht und dann schreibt, er nutze selbst, aber kommt leuten bei konzerten mit dem argument der unterstützung und bringt hier negativ an, dass es auffällt, dass weniger physich verkauft wird (denn das ist negativ. das kann niemand abstreiten), dann hier aber sagt, man beschwere sich nicht.. ist das lächerlich, entschuldigt. würdet ihr das nicht als negativ empfinden, würdet ihr im letzten absatz auch nicht sagen, dass die medaille zwei seiten hat. dann gäbe es nur eine. und zwar die, dass ihr froh seid, dass evtl. mehr menschen eure musik hören.

    • Ich finde das nicht so schwer zu verstehen… im übrigen ist das meine Meinung, die du auch gerne lächerlich und inkonsequent finden kannst. Weniger Gewinn aus CD-Verkäufen steht aus meiner Sicht eben der positve Punkt der zustätzlichen Reichweite gegenüber, den du hier abstreitest und zu wissen scheinst wie alle User ticken und wie sie Musik und Bands erfahren. Ein gut gestalteter Player in einem webbasierte und viele wichtiger noch in einem Standalone Tool, wo all meine Musik gesammelt vorliegt und ich nicht zwischen Facebook profilen, soundcloud, bandwebsites oder dem toten MySpace wechseln muss, ist ein extrem komfortables und wird denke ich auch so genutzt.

  5. Sehr interessanter Beitrag. Das Dilemma kenne ich als durchaus zahlungswilliger Konzert-Besucher nur allzu gut. Wenn mir ein Gig gefallen hat, kaufe ich mir auch gerne was am Merch. Aber wozu soll ich mir eine CD in den Schrank stellen, wenn ich schon seit Jahren keine CDs mehr abspiele? Also greife ich in letzter Zeit immer mehr bei den T-Shirts zu, was mir inzwischen zu einer ansehnlichen Garderobe verholfen hat. Ich hoffe nur, dass hier die Gewinnspanne für die Band eine ähnliche ist…

  6. Dieser ganze Streamkonsum hin oder her. Wenn mir eine Band wirklich gefällt dann will ich doch was in den Händen halten und lieber verschenke ich eine Platte als einen Gutschein für Spotify und Co.Mir persönlich fehlt da der idielle Wert. Nach jahrelangem Napstergebrauch (wo man die mp3 noch besitzen durfte!) find ichs ziemlich cool mal wieder einen Gegenwert zu haben.Vorallem wenn man sieht, mit wieviel Liebe das Layout gestaltet wurde. Da kommt alles andere nicht hin. Macht’s weiter so!

  7. Die Diskussion ist zwar schon ewig alt und wird höchst wahrscheinlich schon gar nicht mehr verfolgt. Aber ich muss an dieser Stelle trotzdem ein riesiges Lob an den Diskussionsführer Hagen aussprechen ;D

    Ich bin kein Musiker, kann mir aber dennoch die missliche Lage vorstellen in der sich jede junge, noch unbekannte Band befindet. Aber so wie du deine Band vorgestellt hast, ist doch alles geklärt. Ihr spielt hauptsächlich aus Leidenschaft an der Musik und dem ganzen Drumherum. Profit steht nicht im Vordergrund – und genau da unterscheidet ihr euch evtl. von dem schorf argumentierendem Kollegen der WhiteTapes …

    Tatsache ist, das unbekannte, junge Bands/Musiker tatsächlich mickrige Löhne via Streaming-Dienste einfahren. Daran sind aber nicht die Streaming-Dienste schuld. Diese schütten nämlich über 70 Prozent ihrer Einnahmen an die Rechteinhaber (zumeist eure Labels) ab. Und die entscheiden letztendlich wieviel ihr von dem Kuchen abbekommt. Zusätzlich verläuft das Vergütungsmodell wohl so, dass je mehr Streams gespielt werden, desto höher fällt auch die Vergütung pro Stream aus. (100 Streams eines Songs/Monat = 0,003 Ct. aber 100.000/Song/Monat schon 0,009 Ct. und noch weiter 1 Mio./Song/Monat = 0.06 Ct. …) Künstler müssen also in erster Linie darum bemüht sein, so viele Nutzer wie nur möglich dazu zu bewegen auf Spotify ihre Songs zu hören, wenn sie mit diesem Dienst etwas verdienen wollen. Natürlich ist es unrealistisch Spotify und Co. auch nur annährend als eine Haupteinnahmequelle anzusehen, aber am Ende bleibt immer noch mehr übrig, als wenn Nutzer euch gar nicht entdeckt hätten respektive sich illegal irgendwo anders her eure Musik besorgen …. (Mit 24 Millionen Nutzern ist Spotify nunmal der Musik on Demand Anbieter mit den Meisten Nutzern. Hier ist also durchaus die Chance am höchsten entdeckt zu werden bzw. einfach mal in eine Playlist mit eingebaut zu werden …)

    Blablabla ich könnt noch weiter brabbeln, wollte aber letztendlich nur die Einstellung von Hagen unterstützen und ihm zu seiner (damals schon) realistischen und in meinen Augen besten Einstellung gegenüber diesen Streaming-Diensten gratulieren ;D

    Bomben-Typ. Weiter so.
    Boy Android hat es in meine Playlist geschafft 😛

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